Offener Brief des Stadtjugendrings
zu den Anträgen 590/2017 und 594/2017

der CDU-Fraktion

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Kurz,

Sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderats,


wir als Stadtjugendring Mannheim e.V. möchten die Anträge 590/2017 und 594/2017 der CDU-Fraktion, in denen es darum geht, dem Jugendzentrum in Selbstverwaltung die finanzielle Grundlage sowie die Räume zu entziehen, wie folgt kommentieren:


Das JUZ Friedrich Dürr ist ein wichtiger Bestandteil der Mannheimer Jugendarbeit. Hier begegnen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft in vielfältiger Weise - selbstbestimmt und eigenverantwortlich organisiert.

Haupt- und ehrenamtlich Aktive setzen sich für die Gleichberechtigung und -behandlung aller Menschen ein, und sie setzen sich kritisch und konstruktiv mit der Gegenwart auseinander. Das JUZ ist ein wichtiger Lernort für demokratische Prozesse, denn hier haben junge Menschen wie an kaum einem anderen Ort in dieser Stadt die Möglichkeit, sich in basisdemokratischen und kritischen Diskussions- und Entwicklungsprozessen auszuprobieren und zu entwickeln.


Kein anderes Jugendhaus der Stadt und auch der Region lebt von einem so hohen Maß an Beteiligung und Mitverantwortung. In unzähligen Fachschaften aus den Bereichen Organisation, Kreativität, Sport, Politik und Vielem mehr organisieren und qualifizieren sich junge Menschen selbst. Sie schaffen Experimentierflächen, bauen Strukturen auf und aus

und bringen sich nachhaltig in die Bildungs- und Kulturlandschaft dieser Stadt ein. Im Selbstverständnis vom JUZ Friedrich Dürr spielt nicht nur Selbstverwaltung und Eigenverantwortung eine grosse Rolle, sondern auch Offenheit, Niederschwelligkeit und Transparenz. In kaum einer Einrichtung dieser Stadt werden basisdemokratische Konsensentscheidungen in öffentlichen und offenen Veranstaltungen herbeigeführt, wie das im JUZ der Fall ist. Auf der wöchentlichen und öffentlichen Vollversammlung werden das JUZ betreffende Entscheidungen gemeinsam getroffen, alle Teilnehmer*innen haben Rede und Stimmrecht. Ebenso in den Fachschaften. Mehr Teilhabe geht im Grunde kaum.

Ergebnis ist neben einem breiten Angebot an politischen Bildungsangeboten auch eine Vielzahl an kulturellen Teilhabe- und Veranstaltungsformaten, die ehrenamtlich, nichtkommerziell und niederschwellig die Kulturregion bereichern, sei es in Form von Ausstellungen, Filmvorführungen und einer Vielzahl an

Musikveranstaltungen unterschiedlichster Couleur.


Aus der Einrichtung am Neuen Messplatz gehen wertvolle Impulse zu gesellschaftlichen Themen und Diskussionen hervor, die mit dem Quartier, der Stadt und Region, aber auch der Lage der Welt zu tun haben. Das JUZ ist ein Innovationsfaktor für gesellschaftliche Fragestellungen, eine Werkstatt der Demokratie und ein Ort für Teilhabe und Verantwortung.
 

Hier ein paar Belege für diese wertvolle Arbeit:
 

Es sind junge Menschen aus dem JUZ, die sich zu Courage-Teamer*innen ausbilden lassen, um an unzähligen Schulen wertvolle Angebote zur antirassistischen und antifaschistischen Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Gegenwart zu machen. Das JUZ ist damit zentraler Akteur der politischen Bildung als Ausgangsstelle der Seminare des bundesweiten Netzwerks für Demokratie und Courage.
 

Es sind Menschen aus dem JUZ-Umfeld, die mit grosser Expertise und viel Engagement die KZ-Gedenkstätte und die dortige Erinnerungsarbeit mit Leben füllen, Führungen und Veranstaltungen für Schulen machen, Diskussionsangebote schaffen und in offenen Angeboten unterschiedlichster

Art immer wieder darin erinnern, dass Faschismus und Rassismus niewieder zu gesellschaftlichen Normalverhältnissen werden dürfen.


Es sind junge Menschen aus dem JUZ, die wichtige Diskussionen über Geschlechterrollen und Menschenbilder in kreativer und konstruktiver Weise herstellen.


Es sind Menschen aus dem JUZ, die in vielfältiger Weise in Kommune und Stadt Beteiligungsprozesse und -formate für junge Menschen kreieren und nachhaltig sichern, dass jungen Menschen Räume und Netzwerke zur Verfügung stehen, um immer wieder neue Projekte zu entwickeln. Die Vernetzung mit anderen Akteur*innenen der Jugend- und Jugendverbandsarbeit und anderen gesellschaftlichen Gruppen ist für den Stadtjugendring ein deutlicher Beleg dafür, welche wichtige Funktion das

JUZ an verschiedenen Schnittstellen in der Jugendarbeit dieser Stadt einnimmt.


Es sind Menschen aus dem JUZ, die sich schon früh mit Menschen mit Fluchterfahrung und deren Bedarfen auseinandergesetzt und Unterstützungs- und Integrationsangebote geschaffen haben. Kostenfreie Sprachkurse sind ebenso zu nennen wie Vernetzungs- und Beratungsangebote für Menschen, die nach Orientierung und Unterstützung suchen, um hier gut anzukommen. Ein offener Treff für Menschen aus den Unterkünften schafft ebenso Begegnung und Austausch wie Fahrradwerkstatt, Repair-Cafés und vieles mehr.
 

Und es sind Menschen aus dem JUZ, die über mehr als vier Jahrzehnte hinweg immer wieder neuen Generationen engagierter und aktiver Menschen die Möglichkeiten bieten, sich selbst als zivilgesellschaftlich relevante und verantwortliche Persönlichkeiten auszuprobieren. Hier ist Ehrenamt nicht nur gewünscht, sondern selbstverständlich und System.
 

Einer Quasi-Schließung des Jugendzentrums in Selbstverwaltung muss der Stadtjugendring deutlich widersprechen, einer Umverteilung der Mittel auf andere Einrichtungen zu Lasten des JUZ ebenso.
Wir wollen uns als

Stadtjugendring nicht zum Profiteur einer Logik machen lassen, die nicht unseren Vorstellungen von Vielfalt in der Jugendarbeit, der politischen Bildung und des zivilgesellschaftlichen Engagements entspricht.

Die oben beschriebene Arbeit des Jugendzentrums Friedrich Dürr ist auch und gerade angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart wichtiger

denn je, wenn wir eine offene, vielfältige Gesellschaft frei von Rassismen und anderen Ausgrenzungen wollen.
 

Wir stellen uns an die Seite des Jugendzentrums in Selbstverwaltung und sagen:

#juzbleibt

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