Ab 19:00 Uhr im Café

Der Jugendroman "Die große Flatter", erstmals 1977 erschienen, gehört bis heute zur erfolgreichsten Deutschsprachigen Jugendliteratur.
Bereits 1978 wurde er verfilmt und auch hier wurden Maßstäbe für die Deutsche Fernsehgeschichte gesetzt. Eine der beiden Hauptfiguren wurde durch den jungen Mannheimer Schauspieler Hans-Jürgen Müller verkörpert, dessen Filmnamen "Richy" er aufgrund des großen Erfolges bis heute als Künstlernamen verwendet.

Die Handlung des Romans, der um zwei Jugendliche aus einer sogenannten Obdachlosensiedlung am Rande einer Großstadt in den 1970er Jahren kreist, basiert auf Erfahrungen, die die 1925 Niederschlesien geborene adelige Schriftstellerin Jolanthe von Brandenstein unter dem Namen Leonie Ossowski während ihrer Mannheimer Jahre gemacht hat. Von den späten 1950ern bis 1980 war sie ehrenamtlich in vielen sozialen Projekten engagiert. 1982 ehrte sie die Stadt Mannheim mit der hohen Auszeichnung des Schillerpreises, weitere Auszeichnungen für ihr literarisches Schaffen folgten.

Leonie Ossowski kümmerte sich sich unter anderem um straffällig gewordene Jugendliche unserer Stadt wie auch um diejenigen aus einfachsten Verhältnissen, die inmitten von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und häuslicher Gewalt aufwuchsen. Das Wohngebiet, das noch heute als "Benz-Baracken" bezeichnet wird, steht im Roman im Mittelpunkt. Gerade in jüngster Zeit wurde dieser Teil von Mannheim-Waldhof durch die umstrittene Fernseh-Dokumentation "Hartz aber herzlich" erneut einer größeren Öffentlichkeit auch außerhalb Mannheims bekannt.

An diesem Abend wollen wir "Die große Flatter" näher beleuchten sowie die dort vorherrschenden Themen. Hierzu spricht zunächst die Germanistikprofessorin Dr. Karin Vach, Leiterin des Kinder- und Jugendbuchzentrums an der PH Heidelberg und Jurymitglied bei der Vergabe des Deutschen Jugendbuchpreises, über den Roman im Kontext seiner Zeit.

Im Anschluss widmet sich die Mannheimer Kulturwissenschaftlerin Regina Heilmann Biographie und Oeuvre von Leonie Ossowski mit Schwerpunkt auf ihren Mannheimer Jahren. Dabei wird es auch um weitere wichtige Publikationen anderer Autoren gehen, allen voran den Werken von Dr. Michail Krausnick, der sich ebenfalls vor vierzig Jahren mit prekär aufwachsenden Mannheimer Jugendlichen aus den sog. "Benz Baracken" und auch viel mit dem Thema Anti-Ziganismus befasst hat. Auch Leonie Ossowski war gut bekannt mit der Mannheimer Sintezza Hildegard Lagrenne, die im Gebiet um den Hinteren Riedweg wohnte und sich dort sehr engagierte. Aus ihrem Wirken heraus entstand nicht nur die Hildegard-Lagrenne-Stiftung, sondern auch der Hildegard-Lagrenne-Preis der Stadt Mannheim, den Michail Krausnick 2016 erhalten hat.

Doch wird auch der Bogen zum Jahr 2018 geschlagen: So schließt die Veranstaltung mit einer moderierten Podiumsdiskussion. Gäste sind der Weggefährte von Leonie Ossowski, der Mannheimer Sozialpädagoge Christian Nieraese, Karin Heinelt, heute Leiterin des Mannheimer Stadtjugendrings, heute im Bereich Jugendhilfe tätige Kolleg*innen der Stadtverwaltung sowie Menschen, die im betreffenden Wohngebiet aufgewachsen sind. Im Zentrum der Diskussion soll unter Einbindung des Publikums die Frage stehen, ob sich die Lebenssituation für Jugendliche schwieriger Herkunft in Mannheim in den letzten 40 Jahren erkennbar verbessert hat - und welcher Handlungsbedarf noch besteht.

Die Veranstaltung ist Teil der Feiern anlässlich des 40. Geburtstags des Jugendkulturzentrums forum.